Der Lacher zum Sonntag: Was in der Gamesbranche so alles schief läuft oder warum deutsche Spielepublisher ein Problem haben

Beschäftigen wir uns doch einmal mit der Frage: Verdient eigentlich jemand Geld mit Spielen? Die Antwort zum Wochenende eines Bekannten war die Folgende:

Warum? Ganz einfach: 80% aller Menschen, die ich innerhalb dieser Branche in Führungspositionen habe kennenlernen dürfen, sind – gelinde gesagt – Nulpen. Teilweise sogar zu dämlich, um eine gescheite Handelskalkulation aufzustellen. Die Gamesbranche ist wohl die Branche mit der höchsten Quereinsteigerquote. Leider wohl auch die mit dem höchsten Laberfaktor. Ich habe nur sehr wenige fähige Führungskrfte kennen gelernt, die wirklich FUNDIERT sprechen konnten, die ihre Analysen und Strategien auch belegen und ökonomisch erklären und aufzeigen konnten. Beim 08/15 Mittelgroß-Publisher sieht es meiner Meinung nach in Deutschland so aus, dass irgendwer mit Abitur und pickliger C64 oder Amiga-Vergangenheit aus dem Kinderzimmer eine Firma gründet und damit beginnt, winzigen Entwicklern von D-Klasse Spielen einen Marktgang zu ermöglichen. So landen Spiele wie „Camping Manager“ oder „Brauerei Tycoon“ auf dem deutschen Spielemarkt. Das verunstalteste und missverstandendste Wort der letzten 10 Jahre lautet für mich „Casual Gamer“. Nur, weil man nicht 10 Stunden am Tag am PC hockt, heißt das aber noch lange nicht, dass man nur Schrott spielt, weil man wenig spielt. Qualität ist teilweise auf so einem niedrigen Niveau, dass es weh tut. Ich selbst spiele nur noch sehr, sehr wenig, aber wenn, dann will ich doch auch was anständiges zocken?! Aber weiter im Text: Der Chef ist vorgestellt… soweit waren wir. Kommen wir also zum Vertriebsleiter. Das ist meist ein alter Freund des Chefs, der mal in einem Computerladen gearbeitet hat und tierisch informiert ist, worauf die Kids heute stehen. Dass das irgendwann 1985 war, interessiert dabei niemanden. Er scharrt eine Vertriebscrew um sich, die aus ehemaligen Mitarbeitern von Toys ‚R‘ Us, Real oder Epson/HP besteht. Der Ruf nach einem Marketingmanager wird laut, damit die Jungs auch Verkaufsargumente für den Brauereitycoon haben. Der ist derweil übrigens nicht einmal fertig, sondern steckt noch im Alphastadium. Aber keine Sorge, der Entwickler verspricht uns ja einen AAA-Titel, wenn das Ding erst einmal fertig ist. Der Marketingmanager, der eingestellt wird, war früher mal Spieletester bei einem Onlinemagain mit monatlich MINDESTENS 200 Lesern und verfügt über immenses Wissen, was die abgedroschensten Phrasen angeht. Er stellt sich vor mit den Worten „In 2008 war ich team assist game press publishing advising manager bei www.ich-würde-gern-wer-sein-hab-aber-den-zug-verpasst.de.“ Der Chef ist begeistert und sagt „Mit diesem Mitarbeiter müssen wir die gesäten Früchte nur noch ernten!“ Was macht eigentlich – nach 5 weiteren Monaten – der Biertycoon? Aha, die Master ist endlich da. Komisch, sieht aus wie die Alpha, spielt sich auch ähnlich, aber die ausgezeichneten Verbesserungen in der hintergründigen Technik werden das Spiel zu einem Meilenstein des Casual Gamings heranwachsen lassen. Das sagt jedenfalls der Marketingmanager, der das Spiel zwar schon bei der Installation Scheiße fand, hier aber mit seiner grenzenlosen Übertriebung und Phrasendrescherei aus 1,5 Jahren Spielejournalismus auftrumpfen kann. Gut, Chef ist da, Vertrieb ist da, Marketing ist besetzt, fehlen eigentlich mal Produktmanager, weil die Erfahrung aus Brauereitycoon zeigt, dass jemand den undankbaren Job machen muss, dem Entwickler einmal im Monat in den Arsch zu treten. Es wird ein Mann eingestellt, der 1990 bis 1996 sein BWL-Studium zwar abgeschlossen, allerdings fortan als Bürokaufmann bei einem Versandkatalog gearbeitet hat. Sei’s drum, er hat massig Erfahrung, da er im Studium den Produktzyklus eines Endverbraucherartikels mit dem Schwerpunkt Produktmanagement und termingerechte Auslieferung als Diplomthema hatte. Die Endnote 3,8 verrät er nur den Kollegen, mit denen er jeden Tag minimum 5 Stunden lang Bullshitbingo in diversen Management-Meetings spielt und halbwissentlich über den aktuellen Status seiner Projekte referiert. Nebenbei bemerkt er dort, dass das neue Projekt, der Camping Manager, sich leider um 5 Monate verschoben wird, da beim 4-köpfigen Entwicklerteam in Westrauderfehn die Mutti krank geworden ist, sprich: die Head of Gamedesign and Concept Managerin. Das macht aber nichts, denn man hat zwischenzeitlich mit 1-2-3 Vertrieb einen Vertriebspartner gefunden, der sogar eine Solventa-Listung hat. Die großen deutschen Elektronik Fachmärkte fressen ihm aus der Hand, sagt der neue Partner, da er die Einkaufsleiter Software regelmäßig auf der GC in Leipzig im Puff abfüllt und Nutten spendiert. Währenddessen sieht der Chef, dass die monatlichen Absatzzahlen des Brauereitycoons nur schleppend erreicht werden. Tendenz: sinkend. Er erkennt, dass 1-2-3 Vertrieb tierisch Kohle macht. Jedenfalls sagen sie das immer. Er überlegt, ebenfalls als Vertriebsverlag an den Markt zu gehen und beschließt, eine Woche durch Deutschland zu fahren, um mit den Sekretärinnen und Assistenten der Chefeinkäufer von Karstadt, Media-Saturn und Müller zu sprechen. Nach 6 Monaten des Telefonierens, der Hotelübernachtungen und Besuche erreicht ihn eine Nachricht nach der anderen, dass das Produktportfolio nicht in das Warensortiment der Konzerne passe. Der Chef denkt zum ersten Mal darüber nach, ob die Welt wirklich ein Bierspiel braucht. Die Überlegung ist jedoch schnell dahin, als der Autohausverkäufer mit dem Schlüssel des neuen Audi in hochglanz-schwarz das Büro betritt und ihm zum Kauf des neuen Firmenwagens gratuliert. Zur selben Zeit kommen Produktmanager und Marketingmanger mit der hervorragenden Idee, nach Kooperationspartnern zu suchen, die das Spiel pushen könnten, das – nebenbei bemerkt – 1,5 Jahre alt ist. Krombacher sagt leider ab, da das Spiel keine Regenwald-Szenarien bietet, Bitburger interessiert sich leider nur für Fußballkooperationen mit der Nationalelf, aber Ballack und Löw auf dem Cover war einfach zu teuer und SOOO werbewirksam sicher auch nicht. Und man will ja nicht ahnen, zu welchen Konditionen sogar Hansapils nur eine Kooperation eingehen würde. Allerdings gibt es ja da noch den findigen Produktmanager, der eine Kooperation mit dem grünen Punkt an Land gezogen hat. „Gründer Punkt???“, will der Chef erklärungsfordernd wissen. Tjaja, in die gelbe Tonne gehören Dosen und Bier gibt es auch in Dosen und unser Spiel hat Bier! Wie kann man das in Frage stellen? Alle sind extrem zufrieden und gönnen sich zunächst einen freien Nachmittag. Pah… Brauerei Tycoon… ein absoluter Selbstläufer! Nach ca. 2 Jahren – der Brauerei Tycoon ist derweil in 3 verschiedenen Special Editions und Goodies wie einem gelben Sack, einem Dosenpfandgutschein und einem Freibier in Kalles Kneipe ausgeliefert worden – schreibt das Unternehmen rote Zahlen. Die gesamte Produktpalette ist ausgeschlachtet, bis kein Blut mehr kommt und die neuen Angebote zur Lizenzierung von Marken und Produkten sind einfach viel zu teuer. Man beschließt, aus der GmbH eine AG zu machen. Kommen Investoren, kommen Publishingdeals, weil dann endlich die Kohle stimmt. Auch das neueste, bahnbrechende Werk des Haus und Hof Entwicklers aus Westrauderfehn, die inzwischen ein schickes Büro im neuen Wirtschaftsforum in Hamburg bezogen haben, steht bereits kurz vor dem Betastadium. Dass darauf auch nie jemand gekommen ist: man arbeitet seit 2 Jahren vorfinanziert an einem Spiel, das Casual Gamern die Spieleslust in die Adern treibt. Tümpelhuhn. Jetzt mit „Chef-kommt-Knopf“. Genial! Camping Tycoon wurde aufgrund des Ausscheidens eines C++ Programmierers eingestellt. Die Zukunft heißt FLASH und Tümpelhuhn wird der Wahnsinn. Ein neuer Standard. Wieder einmal verspricht die Zukunft rosig zu werden und alle ruhen sich auf den verdienten Errungenschaften aus. Bis, ja, bis plötzlich die Meldung kommt, das Tümpelhuhn stehe als Master zur Verfügung. Weder Produktmanager noch Marketingmanager konnten daovn wissen. MAN SAGT IHNEN JA NICHTS!!!!1 Keine Zeit, den Kopf in den Sand zu stecken. In 9 Wochen ist GC, da MUSS man dabei sein, wenn man der Menschheit die Veröffentlichung dieses Knallers offenbaren will. Man mietet einen Schützenpanzer – darauf stehen die Ost-Kids – und kauft 500 Gummihühner. Dazu natürlich 4.000 T-Shirts mit dem Aufdruck „Tümpelhuhn – Keine Gnade im Büro!“. Übrigens eine Idee des Marketingmanagers, der an nur einem Wochenende den Slogan erarbeitet hatte. Die Standmiete ist in unerschwingliche Höhen gewachsen, aber das macht nichts. Die Verkäufe werden durch die Decke schießen, wenn die Leute erst sehen, was Tümpelhuhn kann. Das wiederum wird den Aktienkurs dermaßen pushen, dass auch der Vertriebsleiter endlich vom Citroen C3 auf einen Audi umsteigen darf. Zur Sicherheit beschließt man, den Brauerei Tycoon in neuer Verpackung noch einmal mitzunehmen. Der lief damals gut, vielleicht erlebt er ja einen 4. Frühling. 3 Monate nach der Messe erfolgt der Insolvenzantrag. Der Chef ist derweil gleichgültiger Alkoholiker, der Marketing Mangager hat sich zu Microsoft abgeseilt. Er macht dort nun „Inbound“. Klingt sehr wichtig, der verdient sicher richtig Asche. Der Vertriebsleiter hat ein Angebot von Nestlé angenommen und steht im örtlichen Mediamarkt neben dem Softwareeinkäufer, plaudert über alte Zeiten im Puff… damals… auf der GC 2006… und nimmt einen Schluck aus der brandneuen Nespresso von Krupps, die er vor Ort an einem kleinen Stand vorführt. Es ist kein Stand mit großem Flachbildschirm, lauter Musik und bahnbrechenden Entertainment-Artikeln, aber hey… zumindest ein Elektrogerät, von dem zumindest er begeistert ist. Und der Produktmanager… der sitzt arbeitslos zu Hause und verbrennt sein BWL-Diplom. Hätten wir es nur so gemacht, wie die Global Player. Hätten wir nur endlich mal angefangen zu arbeiten und aufgehört zu träumen. Vergessen wir einfach diese Branche, denkt sich der Chef, hier wird man eh nur ausgebeutet. Wenigstens ist ihm der Audi A8 W12 geblieben, den er sich nach den Absatzprognosen zu Tümpelhuhn des Marketingmanagers als Firmenwagen zulegte. Der Tank ist zwar leer, aber schön anzusehen ist er immer noch.

Danke an Patrick für die Zusammenfassung, der ich voll zustimme. Ich hätte es nicht besser schreiben können!

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